Spontan erworbene Hämophilie

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Spontan erworbene Hämophilie

Spontan erworbene Hämophilie

Zu irgendeinem Zeitpunkt – meist im höheren Lebensalter – kann das Immunsystem Antikörper entwickeln, die sich gegen den körpereigenen Gerinnungsfaktor VIII (FVIII) richten. Treten diese sog. Auto-Antikörper oder Hemmkörper spontan auf, spricht man von erworbener Hämophilie. Bei der erworbenen Hämophilie muss keine Blutung in der Vorgeschichte aufgetreten sein. Das ist ein grundlegender Unterschied zur angeborenen Hämophilie.

Erworbene und angeborene Hämophilie A: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Auch wenn die erworbene und die angeborene Hämophilie einiges gemeinsam haben, so handelt es sich doch um ganz unterschiedliche Erkrankungen. Bei einigen Menschen mit angeborener Hämophilie bilden sich ebenfalls Hemmkörper gegen den von außen zugeführten FVIII. Diese Antikörper werden als Allo-Antikörper bezeichnet. Die Vorsilbe „Allo-“ steht für fremd oder anders, „Auto-“ bedeutet selbst.

Im Gegensatz zur angeborenen Hämophilie ist die Blutungsneigung bei der erworbenen Hämophilie nicht abhängig von der FVIII-Konzentration oder der Höhe des Antikörperspiegels.

Bei der erworbenen Hämophilie wird der vom Körper durchaus produzierte Faktor VIII durch die Auto-Antikörper außer Gefecht gesetzt. Blutungen bei Verletzungen oder auch ohne erkennbaren Grund können die Folge sein. Bei der angeborenen Hämophilie ist dagegen von vornherein aufgrund von Genmutationen zu wenig oder wenig aktiver FVIII vorhanden. Kommen in diesem Fall noch Hemmkörper (sog. Inhibitoren) hinzu, fangen diese sozusagen den therapeutisch zugeführten FVIII ab. Trotz Faktorgabe bleibt der Spiegel des aktiven FVIII niedrig.

Ein weiterer grundlegender Unterschied besteht darin, dass Frauen von erworbener Hämophilie ebenso häufig betroffen sein können wie Männer. Die angeborene Hämophilie trifft Frauen hingegen extrem selten. Hierzu muss die Mutter Trägerin der Mutation und der Vater an Hämophilie erkrankt sein. Nur dann können beide das betroffene X-Chromosom an ihre Tochter weitervererben. Es sind einige, allerdings schlecht dokumentierte Fälle von Patientinnen mit Hämophilie bekannt.

Was ist über die Ursachen bekannt?

In rund der Hälfte der Fälle von erworbener Hämophilie bleibt die Ursache unklar. In anderen Fällen kommen Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Colitis ulcerosa (eine chronisch entzündliche Darmerkrankung), Asthma, Schuppenflechte und Krebs als Auslöser in Betracht. Sehr selten können auch eine Schwangerschaft oder die Reaktion auf bestimmte Medikamente eine Hämophilie auslösen. Das Immunsystem, das aus einigen Blutzelltypen, Lymphdrüsen und Milz besteht, beginnt den körpereigenen FVIII als Eindringling zu betrachten und stellt deshalb Antikörper her, um ihn außer Gefecht zu setzen.

Da es sich bei der erworbenen Hämophilie um eine sehr seltene, aber lebensbedrohliche Erkrankung handelt – vermutlich sind von 1 Million Menschen nur etwa 1 bis 2 betroffen –, sollte bei der Verdachtsdiagnose umgehend ein Gerinnungsspezialist, ein sogenannter Hämostaseologe, konsultiert und in die Behandlung einbezogen werden.

Die erworbene Hämophilie wird in der Regel dadurch diagnostiziert, dass der Betroffene stark zu blauen Flecken neigt, die in keinem Verhältnis zu den erlittenen Verletzungen stehen. Dabei können sie sehr groß sein und sich über die gesamte Arm- oder Beinlänge erstrecken. Auch schmerzhafte Blutungen in die Muskeln sind möglich, die den betroffenen Teil des Körpers vorübergehend lahmlegen. Manchmal zeigt sich die erworbene Hämophilie auch durch anhaltende Blutungen nach einer Operation, Blut im Urin oder im Stuhl. Durch eine spezielle Gerinnungslaboranalyse kann die Diagnose gesichert werden.

Wie wird die erworbene Hämophilie behandelt?

In manchen Fällen heilt die erworbene Hämophilie von selbst aus – der Antikörper verschwindet irgendwann wieder. Meistens ist jedoch eine Therapie erforderlich. Dabei stehen mehrere Optionen zur Verfügung.

Liegt eine akute Blutung vor, wird ein Präparat zur Blutgerinnung injiziert. Das können FVIII-Präparate oder Kombinationen aus anderen Gerinnungsfaktoren sein, die helfen, das Blut auch ohne FVIII gerinnen zu lassen. Diese Behandlung wird weitergeführt, bis die Blutung stoppt bzw. so lange es nötig ist, um einer erneuten Blutung vorzubeugen.

Um den Auto-Antikörper zu beseitigen, können Medikamente verabreicht werden, die die unerwünschte Immunreaktion unterdrücken (Immunsuppression). Parallel dazu erfolgt die Hämophilie-Behandlung. Dabei werden meist Medikamente eingesetzt, die den normalen – durch die Antikörper gehemmten – Gerinnungsschritt über Faktor VIII umgehen. Diese sog. Bypassing-Medikamente nutzen alternative Aktivierungsschritte in der Gerinnungskaskade. Es ist auch möglich, ein Präparat mit FVIII vom Schwein zu verwenden. Dieser sieht etwas anders aus als der menschliche Faktor VIII und wird durch die menschlichen Auto-Antikörper nicht gehemmt. Außerdem gibt es die Möglichkeit, die erworbenen Antikörper aus dem Blut „herauszuwaschen“ (Plasmapherese, „Blutwäsche“). Dafür wird das Blutplasma entnommen, gefiltert und zum Patienten zurückgeführt. Auch eine Kombination dieser verschiedenen Techniken kann sinnvoll sein, um den Anteil der Inhibitoren gegen FVIII zu senken.

Eine solche Therapie kann über mehrere Monate erfolgen. Währenddessen wird regelmäßig überprüft, ob der Antikörperspiegel im Blut sinkt. Stagniert der Rückgang oder steigt der Spiegel sogar wieder an, wird die Therapie angepasst.

Bei der angeborenen Hämophilie mit Hemmkörpern (Allo-Antikörper) werden hohe Faktormengen gegeben, um die Hemmkörper auszuschalten (Immuntoleranz-Induktion bzw. ITI) und die Wirkung des wenigen FVIII zu sichern.